Dreisam-Revitalisierung

Positionspapier des Arbeitskreises Ernährung und regionale Landwirtschaft des Kreisverbandes Freiburg von Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Die Dreisam ist die Lebensader Freiburgs. Dient sie heute vor allem der Naherholung, hatte sie in früheren Jahrhunderten eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Sie ermöglichte es Flößer*innen, ihre Baumstämme aus den Sägewerken im Schwarzwald über den Rhein bis in die Niederlande zu transportieren. Sie war die Quelle für eine prosperierende Vieh- und Weidewirtschaft, diente der Energiegewinnung und war mit ihrem enormen Fischbestand eine Grundnahrungsquelle für die Freiburger:innen. Und: Von damals bis heute füttert die Dreisam unsere berühmten Freiburger Bächle.

Heute ist die Dreisam geprägt durch eine kanalartige, monotone Gewässerstruktur und fließt seit dem Ausbau im 19. Jahrhundert in einem sogenannten “Doppeltrapezprofil“. Der Fluss hat zwar eine gute Wasserqualität, bietet aufgrund seiner monotonen Gewässerstruktur nur eingeschränkte Lebensmöglichkeiten für Pflanzen und Tiere. Das belegen zahlreiche wissenschaftliche Grundlagenuntersuchungen der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WLLR).

Das ist ein Problem für Mensch, Tier und Umwelt und es widerspricht den Zielen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die das Land Baden-Württemberg dazu verpflichtet, alle seine Gewässer bis spätestens 2027 in einen „guten ökologischen Zustand“ zu versetzen. Um diesen guten ökologischen Zustand erreichen zu können, spielen Revitalisierungen (siehe Infokasten) eine wichtige Rolle.

Eine solche Revitalisierung ist für die Dreisam nun im Freiburger Westen geplant. Das Gebiet soll in erster Linie den steigenden Bedarf an Naherholungsflächen decken – vor allem auf Grund des neu geplanten Stadtteils Dietenbach und seiner ca. 15.000 Einwohner:innen – aber auch einen natur- und artenschutzrechtlichen Ausgleich für den Bau des neuen Stadtteils schaffen. Hierfür wurden in einer von der Stadt Freiburg beauftragten „Machbarkeitsstudie Dreisamrevitalisierung“ drei Varianten geprüft: Variante 1 sieht vor, dass die heutigen Dämme in ihrer Lage bestehen bleiben und durch Umgestaltung der vorhandenen Vorlandflächen die Gewässerstruktur aufgewertet werden soll. Variante 2, die mittlere Variante, sieht vor, dass Teile des Dammes auf der Westseite zurückverlegt werden, um der Dreisam etwas mehr Raum zur Eigenentwicklung zu geben. Variante 3, die große Variante, sieht eine weiträumige Dammückverlegung auf der Westseite vor um erhebliche Bereiche des Geländes für einen mäandernden Verlauf des Flusses zu nutzen (Quelle: Anne Pohla).

Uns ist bewusst, dass eine umfängliche Dreisamrevitalisierung im Freiburger Westen mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist. Insbesondere, um auch möglichst große ökologische Wirkungen zu erzielen, sind wir der Überzeugung, dass für die Natur und die Menschen am Fluss die große Variante der Machbarkeitsstudie mit einem mäandernden Verlauf des Flusses umgesetzt werden sollte. Warum setzen wir uns für die große Variante ein?

  1. Die Erfahrung an den Kartausmatten zeigt, dass revitalisierte Flächen für die Naherholung einen unschätzbaren Wert darstellen und in Stadtnähe von der Freiburger Bevölkerung auch dankbar angenommen werden.
  2. Wenn gleichzeitig ein ökologischer Mehrwert generiert werden soll, was bei einer Ausgleichsmaßnahme selbstverständlich sein muss, dann hilft es nicht, die Minimalvariante durchzuführen, die dann dem Nutzungsdruck durch Ausflügler:innen geopfert wird.
  3. Uns ist bewusst, dass durch die Naherholung der ökologische Nutzen leidet. Deswegen ist es umso wichtiger, die Naherholungsfläche in Stadtnähe so groß wie möglich zu gestalten, denn umso geringer wird der Nutzungsdruck für weitere Revitalisierungen außerhalb der Stadt.

Wir setzen uns daher dafür ein, dass:

  • die große Variante der Machbarkeitsstudie durchgeführt wird;
  • im gleichen Zuge die geplanten Strukturmaßnahmen im Sinne der WRRL weiter flussabwärts, etwa im Bereich Lehen-Hugstetten, umgesetzt werden und die Stadt Freiburg hierzu mit den anderen zuständigen Kommunen bzw. Landkreisen im Unterlauf der Dreisam in Kontakt tritt, um entsprechende Maßnahmen ggf. zu initiieren und zu unterstützen.
  • durch Besucherlenkungsmaßnahmen in einem Gebiet mit hohem Naherholungswert auch Rückzugsgebiete und Lebensräume für Wildtiere entstehen. Gute Beispiele hierfür finden sich an der Elz zwischen Köndringen und Riegel – wo unter anderem durch extensive Beweidung mit Hinterwälderrindern Flächen bewirtschaftet und dadurch von Besucher:innen und übermäßigem Bewuchs freigehalten werden;
  • an den Stellen, an denen der Dreisamdamm hoch genug ist, ggf. bei Hochwasser einen langsameren Wasserabfluss hinzunehmen, Bäume zur Beschattung des Wassers gepflanzt werden.
  • die Stadt Freiburg Ranger:innen einstellt, welche den Bürger:innen die Relevanz des Ökosystems vor unserer Haustür darlegt und über richtiges Verhalten aufklärt;
  • die Stadt Freiburg dafür Sorge trägt, dass den Bürger:innen die Relevanz des Ökosystems vor unserer Haustür dargelegt wird (zum Beispiel mit Aktionstagen, hier würde sich der vierte Sonntag im September als internationaler Tag der Flüsse anbieten;  als Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE-Angebote) denkbar)
  • Genehmigungsverfahren vereinfacht werden, um auch kleinere Projekte zur Verbesserung der Gewässerökologie im gesamten Einzugsgebiet der Dreisam von einzelnen Gruppen, z.B. Interessensgemeinschaft Dreisam, NABU oder Regiowasserbüro unbürokratisch in die Tat umsetzen zu können
  • Bürger:innen und Interessensverbände ein aktiver Part des Planungsprozesses werden (u.a. Landesfischereiverband, IG Dreisam, Bürgerverein Betzenhausen-Bischofslinde) und Erfahrungen und Erkenntnisse aus bisherigen Revitalisierungen beachtet werden
  • die Nutzung der Gaskugel und des dortigen Grundstücks als markantes Ausflugsziel von vornherein mit eingeplant wird und mögliche Synergien berücksichtigt werden
  • Erfahrungen aus den bereits revitalisierten Flächen im Bereich der Kartausmatten, insbesondere Schwierigkeiten und mögliche Verbesserungen, in den Planungsprozess eingebunden werden;
  • die Stadt Freiburg ein Krisenmanagementkonzept für Starkregenereignisse, ähnlich der Katastrophe im Ahrtal 2021, entwickelt.

Selbst mit der Umsetzung der großen Variante schätzen wir jedoch die erzielbaren ökologischen Wirkungen als vergleichsweise gering ein, da das gesamte Revitalisierungsgebiet als Naherholungsfläche genutzt werden wird. Mit Blick auf die Verpflichtungen durch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie sollten daher ergänzend im weiteren Flusslauf außerhalb der Freiburger Stadtgrenzen weitere Revitalisierungsmaßnahmen geplant und umgesetzt werden.

Wir halten es für dringend notwendig, die Dreisam nicht isoliert, sondern als Flusssystem zu behandeln. Aufgrund der fortschreitenden Klimakrise ist bekanntermaßen mit Starkregenereignissen und Dürreperioden zu rechnen. Die einen bedrohen die Bürger:innen, die anderen das aquatische Leben. Deswegen ist es nicht nur nicht länger hinnehmbar, die Maßnahmen der WRRL nicht umzusetzen, es muss weitergedacht und ein Konzept entwickelt werden, das der Verantwortung unserer Zeit gerecht wird.

Infobox: Revitalisierung – was versteht man darunter?

„Unter Revitalisierung eines Gewässers werden bauliche Maßnahmen zur strukturellen Aufwertung verstanden, mit denen man die ökologische Funktionsfähigkeit des Gewässers durch die gezielte Schaffung von Habitatstrukturen verbessert bzw. wiederherstellt. Im Gegensatz zu einer Renaturierung kann der Gewässerabschnitt aber nicht wieder in einen gänzlich unbeeinflussten Zustand mit einem natürlichen Abflussgeschehen zurückgeführt werden.“

Quelle: Regierungspräsidium Freiburg, online abrufbar unter: https://rp.baden-wuerttemberg.de/themen/wasserboden/gewaesseroekologie/gewaesserentwicklung/


Das Best-Practice-Beispiel vor unserer Haustür: Die Elz zwischen Köndringen und Riegel

Wir möchten an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass solche Revitalisierungen direkt vor unserer Haustür bereits sehr erfolgreich durchgeführt wurden. Der Elz wurde zwischen Köndringen und Riegel mehr Raum zur naturnahen Eigenentwicklung gegeben und gleichzeitig der Hochwasserschutz verbessert. Berücksichtigt wurden dabei Aspekte des Naturschutzes ebenso wie die der Naherholung.

Die Ergebnisse sind beeindruckend, so ergab die Libellenkartierung 2018 über 22 Libellenarten und die Vogelkartierung 2018 130 Vogelarten an der Elz bei Köndringen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Revitalisierung der Elz folgende Vorteile mit sich bringt:

  • Eine Verbesserte Nutzbarkeit zur Naherholung & Freizeit im Einklang mit Schutzzonen für Natur
  • Ein verbesserter Hochwasserschutz (Rückhalteflächen, Erhöhung der Grundwasserneubildung)
  • Die Verzahnung von Gewässer und Flussaue durch die Aufweitung des Gewässerbetts wo immer möglich
  • Die Schaffung naturnaher Furkationszonen (Verästelung) durch z.B. Kiesbänke
  • Die Schaffung neuer Lebensräume für Tiere und Pflanzen, durch eine bessere Gewässerstruktur, darunter zahlreiche gefährdete Arten, sowie Arten, die für die „Selbstreinigungskapazität des Wassers“ verantwortlich sind und somit unschätzbare Dienste für Mensch und Natur erbringen.
  • Die Initiierung von Eigendynamik der Elz und die Ermöglichung von Geschiebeprozessen
  • Die Herstellung der Durchgängigkeit für Fische und andere Gewässerorganismen

Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist die Renaturierung der Dreisam bei der Brauerei Ganter. In einem Gemeinschaftsprojekt von LFVBW, ASV Freiburg, IG Dreisam und dem Regierungspräsidium Freiburg wurde hier auf einem Abschnitt von 500 Metern Länge ein Lebensraum für das aquatische Leben wie Fische, Makrozoobenthos usw. sowie für Vögel und Insekten geschaffen.

Wir finden: Auch die Dreisam sollte wieder zu einem solch lebendigen Fluss werden. Nutzen wir das Momentum, um die Revitalisierung vollumfänglich und mit dem bestmöglichen Ergebnis für Mensch und Natur umzusetzen.

Wir möchten alle Verantwortlichen außerdem daran erinnern, dass dies angesichts des sich drastisch verschlimmernden Artensterbens – von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sind bis zu eine Million vom Aussterben bedroht, so der Bericht des Weltbiodiversitätsrats – auch eine Frage des Überlebens ist. Denn letzten Endes gefährdet der Mensch die Natur so stark, dass er selbst gefährdet ist.


Freiburg, den 16.05.2023.

Vorstand des Kreisverbandes von Bündnis 90/DIE GRÜNEN Freiburg: kv@gruene-freiburg.de

Grüne Jugend Freiburg (GJ Freiburg)

Interessensgemeinschaft Dreisam (IG Dreisam)

Fachliche Vorbereitung: Arbeitskreis Ernährung und regionale Landwirtschaft Freiburg & Region von Bündnis 90/DIE GRÜNEN Freiburg: ak-landwirtschaft@gruene-freiburg.de


Hier findet sich das Positionspapier als pdf zum herunterladen.